Geschrieben am 19.12.2011 von .

Ich sage der A7 leise “servus”

 

Ist der TDI mir peinlich?

Ist der TDI mir peinlich?

Was ist denn hier bloß in den letzten Wochen los? Also, hier, auf der A7 zwischen Kiel und Hamburg? Ich pendel die Strecke regelmäßig seit Anfang September, und immer war mehr oder weniger alles okay. Das hat sich geändert. In diesen Tagen und Wochen wohnt hier jeden, JEDEN Morgen ein respektabler Stau ab Quickborn. Für die Südlichter unter Ihnen – das ist vom klassischen Nadelöhr Elbtunnel noch runde 25 Kilometer entfernt, damit hat es also nichts zu tun. Na denn. Das geht so nicht weiter. Also setze ich meine Papiertüte auf den Kopf und fahre die Strecke heute in dieser Form ein letztes mal…

Ich weiß, ich behauptete anderes. Aber pendeln macht nicht glücklich.

Regen, Regen, Regen

Regen, Regen, Regen

Zumindest nicht im Winter, wenn es kalt und nass ist. Und wenn die Zeit zum Arbeitsplatz eigentlich locker für einen entspannten Ritt mit Musik und Kaffee genügt – aber eben nicht, wenn einige tausend Mobil-Idioten ohne Grund einen allmorgendlichen, 18 Kilometer langen Stillstand verursachen. Dann hört der Spaß auf. Heute habe ich allerdings große Hoffnungen, pünktlich zu kommen…

Grün soll ja beruhigend wirken

Grün soll ja beruhigend wirken

Nachdem mein schulpflichtiges Töchterchen nebst ihrem tonnenschweren, überdimensional großen Ranzen an ihrem “Arbeitsplatz” abgesetzt ist (heute ein bisschen früher als sonst), scheuche ich murmeltiertagmäßig wie jeden Morgen den Diesel in Kiel über den Zubringer auf die Autobahn. Er knurrt zufrieden und umschummert mich mit wohliger Wärme und fast kompletter grüner Tachobeleuchtung, während draußen die Welt untergeht. So stark geregnet hat es dieses Jahr gefühlt noch nie. Sie will es nochmal wissen, die Autobahn. Fordert sie mich heraus? Darauf lasse ich mich lieber nicht ein, denn es ist noch recht früh, vor mir liegen rund 100 Kilometer und drei bis vier neuralgische Punkte, an denen erfinderische Menschen in ihren Autos irgendwann ab 6:30 Uhr einfach stehen bleiben. Im Regionalsender R.SH lachen sie schon darüber und stöhnen voller geheucheltem Mitleid, wenn die aktuellen Staulängen bekannt gegeben werden. Heute sind es nur 7 Kilometer – ab besagtem Quickborn. Das klingt in meinen Ohren wie ein Lottogewinn.

Hallo Stau, da bist du ja

Hallo Stau, da bist du ja

7 Kilometer, das ist quasi im Zeitplan mit integriert. Dann kann mir heute eigentlich nichts mehr passieren :-) Und während aus der tiefschwarzen, regenschwangeren Nacht ein wenig Morgendämmerung aufsteigt steht wie angekündigt auch schon alles auf Höhe der Raststätte Holmoor. Das ist bei Quickborn. Dort könnte ich jetzt natürlich mit meinem uncoolen Kombi raufziehen und ein leckeres Frühstück futtern, aber dann komme ich zu spät zur Arbeit. Angesichts meiner momentanen noch durchaus möglichen Pünktlichkeit ergehe ich mich daher in einem semi-entspannten Stakkato aus Schalten, Kuppeln und Bremsen und versuche kindlich-verspielt, das im Takt der sehr bemühten Scheibenwischer zu choreografieren. Kaffee? Klar, warum nicht. Ich habe doch unlängst im Beifahrerfußraum einen fest installierten, doppelten original VW Zweitassen-Cupholder entdeckt, allein dafür hat sich der Erwerb des Passat schon gerechnet!

Heute mal entspannt

Heute mal entspannt

Milchkaffee. Mein lieber Freund. Ich singe eine Ode an deinen Geschmack, eine Ballade über deinen Geruch, ein Loblied auf dein Koffeein. Wie viele wartende Stunden hast du mir auf diesem flachen Stück Asphalt von oben nach unten quer durch Schleswig-Holstein schon angenehm erwärmt. Und heute tust du es wieder, wärend die Sintflut prasselnd auf die Gemeinde der Sünder niedergeht und droht, sie alle miteinander wegzuwaschen. Niemand hier um mich rum hat mitgedacht und rechtzeitig eine Arche gebaut. Sie werden alle jämmerlich ersaufen. Heute wäre so ein Tag, da beschlösse ich, mir für die Zukunft eine Monatskarte der Deutschen Bahn zu kaufen. Jedoch ich bleibe im Konjunktiv, aufmerksame Leser werden sich erinnern, dass ich eingangs darüber philosophierte, diesen Ritt heute final zu reiten. So oder so. Was den Genuss des Kaffees allerdings nicht trübt, aber so langsam kann es auch gern mal weitergehen.

Uhrenvergleich. Passt.

Uhrenvergleich. Passt.

Wird die Zeit nun etwa doch wieder knapp? Ich kann meine dicke Uhr durch die Tüte nicht so gut sehen… Nein. Passt noch, und am Horizont sehe ich erste Autos schon wieder rollen. Ich werde diese Staupädagogik niemals verstehen, genau so wenig wie ich das kontraproduktive Verhalten bundesdeutscher Baustellen jemals deuten könnte. Die Verzweiflung darüber überlasse ich anderen, ich kann schließlich auch nicht ändern, dass es jeden Abend dunkel wird. Aber ich ziehe meine Konsequenzen, und die lauten hier und heute: A7, du kannst mich mal am Arsch lecken! Entschuldigen Sie. Aber das musste jetzt mal raus. Doch weiter im Pendeltext, wie kann ich denn heute Morgen noch dafür Sorge tragen, dass meine erstaunlich gute Laune nicht wieder im durch den Starkregen aufgeweichten Boden versickert? Musik. Wo ich doch neulich in der letzten Fahrt des Benz noch so meine Probleme mit ihrer Abwesenheit hatte, aber hier und heute verfüge ich USB-bestickt über eine große Auswahl himmlischer Audio-Belanglosigkeiten!

Mainstream Musik

Mainstream Musik

Nehmen wir doch einmal das blonde Retorten-Casting-Brüllerchen Kelly Clarkson. Unfassbarer Mainstream, nicht mal eine besonders gute Stimme. Aber in der richtigen Minute am richtigen Tag, wenn man das Radio gerade so laut aufdreht, dass der Regen ausgeblendet wird, die Bässe trocken um die Füße kribbeln aber die Höhen nicht in den Ohren scheppern… dann, ja dann ist Frau Clarkson eine Offenbarung. Ich muss nicht über sie nachdenken, mich durchflutet eine Mischung aus treibende Rhytmen und pianösen Klangteppichen. Die junge Dame löst so manch schrilles Geschrei in einer wunderbaren, manchmal unerwartet schönen Melodie auf. Andere mögen ihren Tag mit melancholischer 5-Ton-Musik oder den schlimmen Ereignissen im In- und Ausland auf Deutschlandfunk-Kultur beginnen, ich persönlich lasse mich da lieber ein wenig berieseln. Und schon löst sich der Stau auf :-)

Angekommen. Endlich.

Angekommen. Endlich.

Irgendwann komme ich immer (aber manchmal auf Umwegen) da an, wo ich hinwill. Heute und wohl auch in Zukunft passiert das unter uneigennütziger Zuhilfenahme von Rudolf, dem treuen Rentier. Der dicke Volkswagen scheint mich anzulächeln, weil ich so derbe pünktlich bin, dass ich sogar noch Zeit für ein Foto finde. Ich habe Rudolf noch gar nichts davon erzählt, dass er ab heute nicht mehr so hektisch durch die Gegend getreten werden wird. Ich bin angekommen. Ich bin nicht weg. Aber es geht weiter. Immer weiter. Jeden Tag neu, jeden Tag anders, welch wundervolle Mystik in diesen Worten. Rudolf kühlt leise tickend ab und guckt mir ahnungslos hinterher. Der Gute. Alles weitere klären er und ich vielleicht mal am nächsten Wochenende unter vier Augen, die stattfindenden Veränderungen müssen zunächst einmal sacken. Er wird es verstehen.

Sandmann

Sandmann

Jens Tanz

Ich schreibe kein Tagebuch, sondern den regelmäßigen Wahnsinn im Alltag eines Autofahrers. Unterwegs im VW K70, Passat Kombi, Audi V8 und einigen anderen skurrilen Fahrzeugen, das prägt...

Was sagen Sie dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>