Geschrieben am 11.07.2011 von .

Jenseits der Bikinilinie…

Sandmanns Brut gullert mit dem V8 in den Süden.

Nach einer erstaunlich angenehmen Nacht in den typischen Etap-Hotel-Eighties-Stapelbetten mit angrenzenden Kleinst-Nasszellen hängen wir uns noch schnell nach dem Frühstück ins Hotel W-Lan, bevor wir die urbane Zivilisation erst einmal verlassen. Mein Facebook-Account pendelt zwischen Neid und Sonnenwünschen, aber die beherrschende Aussage ist: Alter, mach doch mal URLAUB und lass das Internet in Ruhe :-) Hm. Stimmt eigentlich. Yo meine hübschen Begleiterinnen, weg mit den Laptops und den Iphones, rein in die altersergraute und nur mäßig klimatisierte Oberklasselimousine und rein mit dem noch kalten Quellwasser in den schwitzenden Körper. Unser Ziel heute: Les Saintes Maries de la Mer, sozusagen die inoffizielle westlichste Ecke der Côte d’Azur. Mitten in der Camargue, das bedeutet Wildpferde, Flamingos und verrückte Touristen. Na – dann mal auf die Piste!

So ein südtendierter Routenverlauf gestaltet sich recht chronologisch.

Zunächst möchte der alte Audi gefüttert werden, dazu hatte ich gestern Abend keine Lust mehr. Die nach 5 Jahren schon etwas müde Gasanlage erfreut sich bei Tagestemperaturen zwischen 30 und 40 Grad bester Agilität und genehmigt sich bei Reisegeschwindigkeiten von 130km/h (mehr ist hier nicht erlaubt) nur 14 Liter, der eiskalte Stoff selbst ist allerdings entlang der “Autoroute du Soleil” verhältnismäßig teuer. Touristen tanken, egal zu welchem Preis, denn man kann ja die mautpflichtigen und perfekt eingezäunten Autobahnen nicht einfach so verlassen. Ohne zu bezahlen und anschließend wieder mit neuem Ticket rauf zu fahren, dazu haben die hier (und wir) alle keine Lust, also wird ein Literpreis von weiterhin 91 Cent in Kauf genommen. Frechheit. Aber das ist immerhin noch preiswerter als Super, welches in Paris zur Zeit bei 1,60 taxiert.

Mal abgesehen davon: Die spinnen, die Franzosen. Stellen Sie sich bitte den dicken Obelix vor, mit finsterer Mine, den Hinkelstein auf dem Rücken und sich heftig an den Kopf klopfend :-D

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Der Verkehr aus der Hauptstadt heraus fließt, aber fragen Sie nicht WIE! Kleinwagen und Transporter wechseln komplett blinkbefreit die zumeist vier Spuren, bremsen, geben Gas, hupen permanent und willkürlich – und zwischen allem schwirren die völlig verrückten Mopedfahrer todesmutig umher. Auf der Gegenfahrbahn versucht sich ein Krankenwagen durch den Berufsverkehr zu tuten. Der Fahrer hat mein volles Mitleid. Schnell raus hier.

Sur la route. Hier eine Péage, dort ein kleines Ticket aus dem Automaten ziehen – die Franzosen lassen sich das Benutzen ihrer privatisierten Autobahnen gut bezahlen! Einmal von Norden nach Süden, und Sie sind mit rund 80 Euro dabei… Dafür sparen die drei südwärts driftenden aber auch insgesamt sechs Stunden Zeit und vermutlich drei Garnituren Bremsbeläge, vier Antriebswellen und die erlöschende Lebensfreude von zwei Teenagern, die sich in den unwegsamen Nebenstraßen spätestens in den Bergen nicht nur die Seele aus dem Leib gekotzt hätten. Und wenn einem erst einmal im Auto schlecht ist, dann bleibt das ja erfahrungsgemäß und geht nicht mehr weg, solange der Motor läuft. Blöderweise schützen den ambitionierten Fahrer die allerbesten elektrischen Sportledersitze (mit 4fach Memory!) nicht vor der einen oder anderen Verspannung, also nehmen wir den alle zwei Stunden mit erhobenem Zeigefinger rumpöbelnden Bordcomputer ernst und pausieren hier und da. Streckend. Dehnend. Ein bisschen die Vegetation wässernd und neue Energie tankend.

Wie war denn das bei Ihnen damals so, als Sie mit Ihren Eltern in den Urlaub gefahren sind? Genervtes Genörgel in endlosen Staus? Schokoflecken und Kekskrümel in den Polstern? Die klassischen “Wann sind wir denn endlich da???“s oder die unvermeidlichen “Mir ist schlecht!!!“s? Nichts von alledem finden Sie auf den Fernreisen der Familie Sandmann wieder, und ich danke dem Schöpfer des Universums dafür. Wir packen verbal unseren Koffer (mit SEHR schrägen Dingen), diskutieren über Leben und Tod und hören in herrlichen Endlosschleifen die Urlaubs-CD meiner älteren Tochter. Dass Snoop Dog uns vorschlägt, jeden Tag Gras zu rauchen, LMFAO virtuelle Fliegen mit Kopfhörern an die Plattenteller lässt und Alexandra Stan sich von Mr. Saxobeat verzaubern lässt ist mir von heute an auf ewig ins Gehirn gebrannt. Wann wir da sind sagt uns unmissverständlich unser Navi und Schokoflecken auf den Ledersitzen sind ja nicht so schlimm. :-) Ich bin gern mit diesen beiden Mädels unterwegs! Und *schnipps* weicht das überhitzte französische Inland den Schilfebenen der Camargue, den wilden Pferden und den wie fliegenden Stöcken aussehenden Flamingos – und wir sind da.

Es ist WARM!!! In der Mittagshitze sollten wir eigentlich durch das Mittelmeer schnorcheln oder zumindest am Pool rumhängen, aber zunächst gilt es, das neue, voll unterkellerte Dreizimmerzelt und den Pavillon aufzubauen. Und den Kühlschrank. Und den Zweiplattengasgrill. Argh. Unser Zuhause für erstmal die nächsten vier Nächte. Der Wetterbericht sagt eine gewisse Wolkenlosigkeit hier unten voraus, und da unsere blasse Haus sehr laut nach Licht und Bräune schreit wollen wir ihr diesen Wunsch nachher erfüllen. Der Audi tickt leise und fragt flüsternd, ob er nicht bald mal wieder einen Schluck Öl haben darf. Ja natürlich, morgen früh, sehr gern. Er riecht ein bisschen nach warmem Gummi und heißen, verdampfenden Schmiermitteln. Hier fühle ich mich wohl. Als alles aufgebaut ist zieht der erfrischende Pool vom Campingplatz “La Brise” uns regelrecht magisch an… Hören Sie ihn rufen…?

Hm. War das mit den Wasserwummen (mit den richtig GROSSEN Wasserwummen) wirklich so eine gute Idee? :roll: Die junge Frau und das Frollein legen nie gekannte Feldherrengene frei und beweisen sich als hervorragende taktische Kriegsführerinnen. Verdammt. Das in Kombination mit dem durchtrainierten blonden Animateur, der im Hintergrund alle zum Aquajogging bei Dance-Beats anspornt ist mir heute ein bisschen zu viel. Ladies – was haltet ihr davon, einmal dem Mittelmeer hallo zu sagen, wenn wir schon mal hier sind? Pool können wir auch in Deutschland haben, und bevor die Tsunami-ähnlichen Wasserwellen der besagten Spritzwaffen noch Fremdtouristen verärgern schlage ich einen Ortswechsel vor.

La plage est 300 metres a pied.

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Besser. Erfrischt und erholt streife ich die lange Fahrt hier her ab und kann ein bisschen den momentan sehr bewegten Alltag loslassen. Wie mag es meiner Liebsten in Allemagne gehen, die noch mitten in der Arbeit steckt? Heute Abend werde ich es hören, wenn der Gott des Datenroamings Einsicht hat…

Vorher ist die Abendplanung der kleinen Sandmannfamilie geprägt von Glücksspiel und Essensvorbereitung. In Sachen Kartenspiele stehe ich ganz hinten in der Schlange der HIER-Sager. Ich kann kein Skat und kein Doppelkopf und will das auch nicht mehr lernen. Mau Mau geht grad noch. Bevor ich meinen beiden Grazien Rommé beibringen kann (das Spiel, was meine Eltern mit mir im Urlaub gespielt haben – der Gewinner bekam immer eine 250g Tafel Marabou Schokolade!) werde ich zu einigen Partien Phase 10 genötigt, was Rommé recht ähnlich ist. Außer, dass ich irgendwie immer verliere. Wie kann das sein? Ein bisschen tröstet mich der alte Spruch “Pech im Spiel, Glück in der Liebe”… Und da klingelt auch schon das Telefon. Alles ist gut.

Abendessen. Klasse. Im Windschatten des V8 macht die Große Salat und die Kleine legt zischende und dampfende Merguez (eine sehr pikante Chili-Bratwurst) auf den Grill. Ich öffne derweil den guten französischen Landwein. Und entdecke erneut dieses Phänomen Urlaub!

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Was so phänomenal ist? Ein Vin de pays de Herault oder de l’ Aude schmeckt hier, in der südfranzösischen Abendsonne, ganz phantastisch! Zeitlos köstlich, man möchte nichts anderes jemals irgendwann wieder trinken :-) . Aber haben Sie den mal nach Deutschland importiert, um später noch in Gedanken versunken an die schönen Zeiten erinnert zu werden? Dann schmeckt er wie Knüppel auf den Kopf. Woran liegt das bloß?

“Mach mal Urlaub” sagten die Jungs auf Facebook. Mach ich ja. Aber irgendwie möchte ich auch hier und da mal meine Mails checken und ein paar Fotos nach Hamburg oder Berlin senden. Wo das Wetter offensichtlich nicht so super ist, wie ich gerade hörte. Vielleicht ist es die verliebte Abhängigkeit eines gerade 40 Jahre alt gewordenen hoffnungslosen Romantikers, vielleicht auch die Freude, mit anderen im Internet kommunizieren zu können und sie an dem Schwachsinn, den man im Urlaub so macht, teilhaben zu lassen. Bloggen halt, Tagebuch für alle. Wer es nicht mag, kann ja ausmachen. Irgendwie schräg, in was für Zeiten wir leben, oder? Solange noch Fledermäuse über meinen Kopf zischen (die sehen im Gegensatz zu den Flamingos aus wie hektisch fliegende Billardkugeln) scheint aber alles in Ordnung. Und die ersten Mücken höre ich auch schon. Oha. Wo Natur ist, sind gute Zeiten…

Gute Nacht, Mittelmeer. Nach zwei Tagen auf der Straße und einem großartigen Zwischenstopp in Paris sind die drei urlaubsreifen Kieler endlich bei dir angekommen. Uns erwarten noch rund 10 Tage zwischen Nudeln und Rotwein, zwischen einem alten Audi V8 und einem warmen Zelt und zwischen der Ungewissheit, auf dem nächsten Campingplatz vielleicht kein Plätzchen mehr zu bekommen und dem unerschütterlichen Optimismus der südreisenden Sonnenkinder. Vielleicht fahren wir morgen, wenn die Croissants verdaut sind, mal nach Cassis bei Marseille und gucken uns an, ob die sagenhaften Buchten mit dem smaragtgrünen Wasser und den weißen Felsen noch immer so schön sind wie vor 20 Jahren? Die Calanques? Wir werden sehen.

Es grüßt Sie und Euch aus dem Süden Europas

Sandmann

 

Sandmann

Jens Tanz

Ich schreibe kein Tagebuch, sondern den regelmäßigen Wahnsinn im Alltag eines Autofahrers. Unterwegs im VW K70, Passat Kombi, Audi V8 und einigen anderen skurrilen Fahrzeugen, das prägt...

Meinungen zu Jenseits der Bikinilinie…

  1. Am:
    12.07.11
    Um:
    00:22

    Ich liebe ja eure Urlaubsberichte pauschal! Macht lust auf me(e)hr.

    Ich hoffe ich werd ähnlich schöne Touren auch irgendwann mal mit meiner eigenen Baggage abziehen können!

  2. Am:
    12.07.11
    Um:
    11:21

    Ay daemonarch,

    na klar! Einfach ein bisschen Geld für Sprit einpacken, eine schöne Bleibe suchen und mit viel Sonne im Herzen auf die Socken machen! :-D Kompliziert ist anders. Das Leben kann so herrlich einfach sein…

    Sandmann

  3. Am:
    23.10.11
    Um:
    18:27
    Von:
    new car news

    That looks like a very nice family vacation

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