Mittwoch, 24. November 2010 Von Frank B. Meyer Der Mensch ist ja manchmal ein Futterneider. Ich zum Beispiel. Als ich noch Diesel fuhr, beargwöhnte ich die Diesellok, die im Bahnhof eine halbe Stunde lang den Motor laufen ließ. Und missgönnte der Lok, den teuren Sprit so zu verschwenden und ihn damit zu verknappen und verteuern. Jetzt fahre ich Elektroauto. Surre im Fiat 500E mit Karabag-Umrüstung durch die Stadt – und fühle mich, als lebe ich im Land der Stromverschwender. Nachts um halb zwölf vor dem Hamburger Rathaus: Der Weihnachtsmarkt ist hell erleuchtet. Bäume, Buden, Draht-Rentiere, alles strahlt aus LEDs und Glühwendeln. Und nur drei, vier Nachtschwärmer und Security-Jacken erfreuen sich daran. Muss denn das sein?
Mein Energieversorger erhöht gerade meinen ganz persönlichen Strompreis, aber die Stadtverwaltung knipst alles an, als gelte es, die goldene Vattenfall-Ehrennadel zu gewinnen. Dabei müssen doch alle sparen – wer soll denn sonst das Tanken bezahlen, wenn Millionen Autos mit Strom fahren, Solarenergie nicht mehr subventioniert wird, Bürgerinitiativen gegen Windräder und Biogas protestieren, Kohle und Kerne unerwünscht sind? Also was soll diese ganze Leuchterei mitten in der Nacht?
Na gut, wenn es rotes Licht ist, ergibt es ja schon Sinn – die Kunden auf der Reeperbahn möchten sich auf dem Weg zum Dienstleistungsbetrieb ihres Vertrauens ja nichts brechen oder stauchen. Ich beschließe, mich von dieser These zu überzeugen, und rolle mit dem unschuldig-weißen Fiat auf den Kiez. Tatsächlich, die Kundschaft – recht zahlreich an diesem Dienstagabend – spaziert gut ausgeleuchtet über das feuchte Trottoir. Besonders hell illuminiert ist ausgerechnet ein Fachgeschäft namens Darkside Boutique.
Manch ein Herr dreht sich auffällig weg, als ich den Fotoapparat in Anschlag bringe, einer ruft: “Keine Fotos!” Soll der Herr die Dunkelheit genießen in dieser hell erleuchteten Stadt. Leise heulend, schnürt der Fiat Richtung Hafen. Aha, auch bei der Konkurrenz glimmt noch das Verlagslogo. Den boshaften Gedanken, wann da der Letzte das Licht ausmacht, möchte ich mir verkneifen – beinahe gelingt es mir.
Ein paar hundert Meter weiter mache ich größere Augen als der Fiat: WAS IST DAS DENN?! Zwei riesige Kreuzfahrtschiffe liegen in den Docks, jedes beleuchtet, als wäre Silvester – und die Außenwände der Docks sind auch noch angestrahlt. Insgesamt eine Fläche, auf der man alle Fußballspiele einer WM gleichzeitig austragen könnte. Wenn sie denn waagerecht wäre. So eine Verschwendung, da weint jedes Sparerherz.
Meins nicht. Dafür sieht der Hafen einfach zu grandios aus. Und ich bin im Herzen nicht sparsam genug, um neidisch zu sein, oder umgekehrt. Ein bisschen Licht in der Dunkelheit hat noch jedes Herz erwärmt. Man muss das ja nicht übertreiben – aber manchmal kann auch Übertreiben sehr schön sein.
