Stage 12: San Juan – San Rafael
Der Tag beginnt mir einer Irrfahrt durch Mendoza. Wie in allen südamerikanischen Städten, die wir bisher auf unserer Reise durchquert haben wimmelt es auch hier von Einbahnstraßen. Zusammen mit unserem dürftigen Kartenmaterial ergibt das eine Falschfahrgarantie. Dennoch schaffen wir es aus eigener Kraft die richtige Route nach San Rafael zu finden. Aufgrund eines Navigationsfehlers verfehlen wir das Ziel der Wertungsprüfung und erreichen bereits gegen Mittag das Camp. Das kommt mir sehr gelegen. So kann ich das erste Mal seit zwei Wochen richtig entspannen und die Seele baumeln lassen. Ich schlendere ins Versorgungszelt, genieße eine gekühlte Cola und lasse meine Gedanken schweifen.
Je länger wir durch Argentinien und Chile reisen, werden mir die grundlegenden Unterschiede zwischen Deutschland und Südamerika immer deutlicher. Stress und Hektik sind den Südamerikanern beispielsweise völlig fremd. Egal ob in der Großstadt oder auf dem Land, die Menschen erledigen ihre Aufgaben zwar gewissenhaft aber in völliger Gelassenheit. Es kann dann auch einmal passieren, dass man auf seinen Milchkaffee eine halbe Stunde lang warten muss, obwohl die Cafeteria nur minimal gefüllt ist. Das ist aber nicht weiter wild. Die Gäste warten seelenruhig ab bis ihre Bestellung eintrifft. In Copiapo machten wir eine ähnliche Erfahrung. Gegen Abend kehrten wir in ein kleines Straßencafe, direkt am Hauptplatz ein. Das Wetter war herrlich und wir wunderten uns, dass außer uns kaum Besucher an den runden Tischen saßen. Nach kurzer Wartezeit nahm ein völlig gestresster Kellner unsere Bestellung auf und meinte: "So voll war es hier schon lange nicht mehr. Das muss wohl an der Rallye Dakar liegen.‚Äú Wir schauten uns an und konnten diese Aussage kaum fassen. In unserem Heimatland würden sich Bedienungen bei diesem "Besucheransturm‚Äú sicherlich langweilen.
Einen weiteren gravierenden Unterschied stelle ich beim Autofahren fest. Recht und Ordnung gibt es auf argentinischen und chilenischen Straßen nur selten. Gerade in Großstädten wie Buenos Aires oder Santiago de Chile kommt man mit einem mitteleuropäischen Fahrstil nicht voran. Man muss das in der Fahrschule Gelernte ganz weit hinten im Gedächtnis vergraben und einfach los fahren. Hier herrscht das Recht des schnelleren. Vorfahrtsregeln und Fahrspuren werden nicht eingehalten und auch Ampeln sind nicht immer ein Stoppgrund, wobei das rote Licht doch überraschend häufig geduldet wird. Dennoch gibt es in diesem "Verkehrschaos‚Äú, wie wir es in Deutschland nennen würden, wenige Unfälle. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass auf südamerikanischen Straßen noch häufig Autos unterwegs sind, die 20 Jahre und älter sind. Ein weiterer Grund für das Fortbestehen dieser liebevoll behandelten Rostlauben ist das Fehlen einer TÜV-Plakette. Hier schleift ein Auspuff am Boden, da klappert die Karosserie bedenklich. In Deutschland würden wahrscheinlich nicht einmal zehn Prozent dieser Oldtimer eine technische Abnahme überstehen. In den Städten Argentiniens und Chile schmücken diese bunten Klapperkisten die Avenidas und lassen Besucher allen Alters ins Schwärmen geraten.
Mir gefällt die südamerikanische Mentalität wirklich gut und ich genieße jeden Tag meiner Rallye Dakar in vollen Zügen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich anfangs einen kleinen Kulturschock durchlebt habe. Es dauerte einige Tage bis ich mich in diese fremde Kultur etwas eingelebt hatte.

Tach herr Höpfner,
ich stell mir die Rallye bis dahin immer sehr gefährlich vor. Klingt wie eine angenehme Reise mit ein paar schwierigen Etappen. Cool.
Sicher ein tolles Erlebnis.
Abel