Geschrieben am 01.10.2008 von .

Tod eines Clowns

Lieber Holger,

Ein paar Zeilen auf speckigem Papierda suche ich in meinen alten Songtexten nach vergangenen Traurigkeiten und finde einen Zeitungsartikel. Alt ist er, vergilbt, und der Klebstoff, mit dem ich ihn damals in mein Büchlein geklebt habe, kommt schon von unten durch. Eine Zeitung, die es nicht mehr gibt, schreibt da von dir, und es kommen Bilder zurück in meinen Kopf. Ich sehe auf die Datumsanzeige meiner Uhr. Es ist genau 19 Jahre her, dass du dich in Uelzen, unserer Heimatstadt, in dein neues Auto gesetzt hast. Auf nach Schleswig-Holstein! Du wolltest mich besuchen, deinen alten Freund aus der Grundschule. Unterwegs hattest du noch ein bisschen gefeiert und neue Leute kennen gelernt. Du bist nie bei mir angekommen.

Du alter Kasper!

Autofahren war nie deine StärkeEs schien ziemlich aussichtslos, neben dir witzig zu sein. Weil du einfach immer noch ein bisschen witziger warst. Ich hatte Comics gezeichnet, aber du auch. Wir saßen an unserem ersten Schultag nebeneinander auf diesen kleinen Stühlen und trieben unsere Lehrerin binnen weniger Minuten in die Verzweiflung (weißt du das noch???). Wir waren ständig in die gleichen Mädchen verliebt. Schwierig. Kennst du noch Claudia aus Uelzen? Als weltbeste Geheimagenten sprachen wir auf dem Schulhof über sie immer nur von “Objekt”. Na ja, und Silke… die hatten wir sogar in einen Baum in der Nähe von Ripdorf geritzt. Den Baum gibt es noch, ich war neulich mal da. Alles okay, man kann die Namen noch immer gut lesen. Sie stehen heute ein bisschen weiter oben, und nebenan ist irgendwie ein Gewerbegebiet mit großen grauen Lagerhallen aus dem Boden gewachsen. Aber der Baum ist noch da. Äh… verzeih mir diese alberne Mütze. Ich fand das damals cool.

Inzwischen ein KlassikerRot war die Farbe der ewig unerfüllten Teenager-Liebe. Rot war die Farbe des Feuers, welches unseren Spielplatz und die alten Autos im Kartoffelschuppen auf dem Feld kaputt machte. Rot war auch die Farbe deines ersten eigenen Autos, ein Ford Escort XR3i. Neunzehnhundertneunundachtzig war das eine echte Rakete, klar, das entspricht deinem Temperament. Ein Jahr vorher – weißt du noch? – habe ich mich mit Anlauf gegen die Telefonzelle geworfen, aus der du deine Freundin angerufen hast. Du wolltest, dass sie denkt, du würdest gerade von ihrem Ex bedroht. Spektakulär. Seit dem kann ich meine linke Schulter nicht mehr nach hinten drehen, aber das ist eine andere Geschichte. Dein Ford war wild, dein Ford war neu und er war schnell. Du wusstest, wie man die Mädels der späten 80er beeindruckt.

Sieben Jahre hast du nochDenk kurz einmal nach, wenn du dieses Bild betrachtest. Ahntest du damals in Soest auf der Klassenfahrt, was nur 7 Jahre später passieren könnte? Hatte ich, als ich mein Eis schleckte, geahnt, dass ich 26 Jahre später noch einmal wieder hier sein werde? Nein, hatten wir beide nicht. Ich bin noch immer da, denke nach und schreibe diese Zeilen. Ha. Ich blogge! An so etwas wie das Internet war noch nicht zu denken, 1982, als dieses Bild gemacht wurde. Wir verewigten unsere Weisheiten und Wünsche daher mit Geha-Füllern auf echtem, ausbleichendem Papier. Oder wir ritzten sie mit Teppichmessern in Buchen. Die Welt dreht sich, und das Leben geht unaufhaltsam weiter. Für die meisten von uns. Dein Leben endet am 01.10.1989 um 1.06 Uhr an einem Baum in der Nähe von Neustadt in Holstein.

Hier muss es irgendwo gewesen seinDas Wetter ist schön. Passt nicht zu meiner Stimmung. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Eine rote Abendsonne scheint auf die Linkskurve in Höhe der Lübschen Mühle, einer kleinen Seitenstraße an der L 309, wenige Kilometer hinter Neustadt in Holstein. Ich stehe hier und versuche, etwas zu spüren, nach all den Jahren zu erfahren, wo es passiert ist. Du hattest zu viel getrunken in jener Nacht. Kein Baum, der an seiner Wurzel abgeschält ist. Kein vergilbtes Kreuz. Und trotzdem muss ich weinen. Dein Leben hat irgendwo hier vor 19 Jahren ein Ende gefunden. Ich klingel bei Anwohnern, sie können sich schemenhaft erinnern. Ja, dieser böse Baum, an dem schon viele Autos zerschellt sind. Er ist vor einigen Jahren abgesägt worden. Ich bekomme die Telefonnummer eines damaligen Mitgliedes der freiwilligen Feuerwehr. Aber mir fehlt die Kraft. Es wird wohl hier gewesen sein.

Es ist meine heute 13jährige Tochter Khania, die mir ein Lied vorspielt. Untitled von Simple Plan. Ich sehe das Video, denke an deine Eltern und wie sie jetzt wohl leben. Immer wieder kommen mir bei Minute 2.30 die Tränen, es zerreißt mich, und mindestens noch ein Mensch in dieser Welt da draußen wird ebenfalls wissen warum. Vielleicht ist der plötzliche Tod eines guten Freundes so etwas wie das Ende von allem, was ich mir vorstellen kann. Und noch immer habe ich keine Möglichkeit gefunden, Abschied zu nehmen. Weil ich nicht genau weiß, wo es passiert ist. Aber mir wurde ein weiteres Jahr geschenkt, vielleicht nehme ich all meinen Mut zusammen und frage irgendwann deine Eltern. Oder einen deiner drei Mitfahrer, die das Unglück damals überlebt haben…

AbschiedMach’s gut Holger, du Kasper, du Clown. Wir haben so viel miteinander gelacht, vielleicht hat zumindest das genügt. Irgendwo hier hat es ein Ende gefunden, der Traum unserer Kindheit, die verrückten Nachmittage mit den Detektivsets aus dem neuen Yps, die Zeichnungen und Mädchennamen in unseren Schulheften und die Liebe zu schnellen Autos. Du wolltest mich besuchen. Wenn ich mehr erfahre, werde ich dir ein Kreuz aufstellen. Und sei es nur, um allen Lebenden, die an dir vorbei fahren, zu sagen, dass sie bitte bitte auf sich aufpassen sollen.

Dein Sandmann

Sandmann

Jens Tanz

Ich schreibe kein Tagebuch, sondern den regelmäßigen Wahnsinn im Alltag eines Autofahrers. Unterwegs im VW K70, Passat Kombi, Audi V8 und einigen anderen skurrilen Fahrzeugen, das prägt...

Meinungen zu Tod eines Clowns

  1. Am:
    01.10.08
    Um:
    09:18
    Von:
    sascha

    Hey Sandmann!

    Das ist mehr als nur traurig. Ich konnte mir das ganze nicht an einem Stück durchlesen, musste Pausen machen und das verarbeiten was ich da gerade gelesen habe. Man merkt wie schnell so ein Leben vorbei sein kann und macht sich Vorwürfe das man vielleicht was hätte anders machen sollen im eigenen.
    Aber noch leben wir! Also haben wir doch alles richtig gemacht? Keine Ahnung…

    Simple Plan – Untitled

    Das der Song (an sich) keinen Namen hat kann ich gut verstehen. Wie will man soetwas kurz in einem Songtitel beschreiben? Für sowas findet man einfach nicht die passenden Worte und doch ist kein Wort falsch.

    Liebe Grüße
    Sascha

  2. Am:
    01.10.08
    Um:
    11:59

    Lieber Sascha,

    es ist lange genug her, als dass es mich nicht mehr aus der Bahn wirft. Es ist weit genug weg.

    Ich würde es trotzdem gern abschließen, irgendwie ist das noch offen. Keine Ahnung, warum ich nicht direkt danach mal zur Unfallstelle gefahren bin. Neustadt ist nur 60 Kilometer von Kiel weg.
    An seinem Grab war ich schließlich auch gleich danach, und das sind 200 Kilometer.

    Ich habe jetzt eine kleine Aufgabe, die ich bis zum kommenden Jahr, da sind es dann 20 Jahre, lösen kann und werde. Und ich habe aus diesem und noch einigen ähnlichen Fällen mit mir unbekannten Opfern gelernt, das Fahrverhalten trotz 280PS so zu gestalten, dass ich auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann.

    Vorwürfe sind im Übrigen grundsätzlich der falsche Weg, mit Gschehnissen umzugehen, denn sie führen zu nichts. Lebe jeden Tag neu, sei dankbar und mach dir deine Umwelt wieder einmal ein bisschen bewusst. Ich finde mein Leben sehr schön, und ich würde gern noch ein wenig bleiben. Irgendwas haben wir wohl bis jetzt richtig gemacht.

    Sandmann

  3. Am:
    01.10.08
    Um:
    16:22
    Von:
    touranus

    Hallo Sandmann,
    stell das Kreuz auf…

    Und wenn auch nur jeder zehnte Autofahrer, der daran vorbeifährt (und an den tausenden anderen) auch nur eine Sekunde über sich und seinen Fahrstil nachdenkt, hat es etwas erreicht…

    Deinen Freund wird es Dir nicht zurückbringen, aber vielleicht wird er/sie durch eine Sekunde nachdenken auch noch in Jahren lebendig hinter dem Steuer sitzen und… einfach atmen

    So wie Du und ich.

    Nachdem 1982 der Vorderreifen meines Vaters platzte, der Wagen am Brückenpfeiler landete, ich aus dem Auto geschleudert wurde und lange aus dem Koma ins Leben zurück kämpfte, meine Familie beinahe komplett zerbrochen wäre (auch meine Schwester saß im Auto, und die anderen mussten Zuhause lange ohne uns zurecht kommen… nichts war mehr wie früher) bin ich der Bundeswehrkolonne, die uns half und den Ärzten in Bergedorf und Gott für eines Dankbar: Das ich LEBE!

    DARAN denke ICH, wenn ich an den Kreuzen am Straßenrand vorbeifahre, vom Gas geh und einfach tief durchatme…

    Stell es auf!

    Touranus

  4. Am:
    01.10.08
    Um:
    16:29
    Von:
    touranus

    …übrigens ist DAS der Grund, warum ich als Deine kleine Tochter und Du im Audi 80 auf der Rückbank gesessen habt, bei der Probefahrt NICHT gasgeben KONNTE, und Deine Scherze über das 30 Km/h fahren im dritten Gang über mich ergehen lassen habe ;-)

    Kein Kind soll so etwas erleben müssen, wenn ich hinter dem Steuer sitze. NIEMALS!

    Benjamin

  5. Am:
    01.10.08
    Um:
    18:55

    Ay Touranus-Audianus-Benjamini,

    um das Kreuz aufzustellen muss ich erst einmal recherchieren, welcher Baum das genau war… angeblich steht der ja gar nicht mehr. Aber das wird sich irgendwie herausbekommen lassen. Wir lesen uns diesbezüglich hier in einem Jahr wieder.

    Das mit eurem Unfall ist ja furchtbar! Warst du denn (wie das damals so üblich war) nicht angeschnallt? Hm. Da fällt mir ein, dass ich (zurecht) eine Menge Schimpfe bekommen habe, weil ich eine Woche mit dem K70 ohne Gurte und ohne Kopfstützen rumgefahren bin, auch mit meinen Kindern hinten drin.

    Leider kann man sich noch so viel vornehmen, und es ist egal, wer auf dem Rücksitz sitzt. Wir sind ja nicht allein auf der Straße. Erklär deine vorsichtige Fahrweise mal dem Raser, der dir in der langgezogenen Kurve mit 160 überholend auf deiner Seite entgegen kommt. Oder dem Hirsch im Waldgebiet.

    Wenn es passiert, soll es so sein. Aber wir tun wohl alle gut daran, es nicht aktiv herauszufordern.
    In diesem Sinne…

    Sandmann

  6. Am:
    01.10.08
    Um:
    20:05

    Abend Sandmann …

    endlich schaff ich es auch mal wieder zu schreiben!

    Solche Unfälle und Verluste sind schmerzhaft. Sehr schmerzhaft.

    Deswegen finde ich es toll dass du das nicht (wie wahrscheinlich die meisten) einfach vergisst/verdrängst. Sondern dich damit auseinandersetzt und dich an einen Freund erinnerst!!

    Nur zu ungern erinnere ich mich an meinen Unfall im Sommer 2003:

    Klick hier

    In diesem Sinne Grüße aus Pfuiwetter-München,
    lifeguard

  7. Am:
    01.10.08
    Um:
    20:46

    *gruuuuusel*

    Ich erinnere mich an die Fotos im Forum. Hey, DU warst das? Wenn man die Autos sieht, ist es ein Segen, dass euch allen nichts passiert ist!
    Ich bleibe dabei: Es geht in solchen Situationen nichts, aber auch wirklich GAR nichts über ein großes Auto um sich herum.

    Wenn ich solche Bremsspuren sehe wird mir immer ganz anders. Die Autobahnen erzählen ja auch ständig solche Geschichten, kombiniert mit zerknickten Leitplanken.

    Wenn man durch die Alleen der neuen Bundesländer fährt, so wie bei der Rallye Hamburg-Berlin Klassik, fragt man sich, ob es da überhaupt noch Alleebäume gibt, die nicht untenrum abgeschält sind.

    Oh jeh. Ich werde immer nachdenklicher…

    Sandmann

  8. Am:
    02.10.08
    Um:
    11:03

    Hey Sandi!

    Jepp das war ICH … (ist jetzt der Groschen gefallen oder wie? ;-)

    Ist schon einige Zeit her, sitzt mir aber noch öfters in den Knochen.

    Einen “Vorteil” hat die Sache:

    Ich selbst werde NIEMALS etwas trinken und dann fahren. Und wenn ich mitbekomme dass das wer in meiner Gegenwart vorhat, bekommt er einen anständigen moralischen Einlauf … entschuldige meine Ausdrucksweise!

    Grüße,
    guard

    P.S.:
    Wieso kann eigentlich nicht der User seine Links “benenen”?

  9. Am:
    02.10.08
    Um:
    11:15

    Ay Guard,

    das mit dem Trinken ist ein sehr guter Vorsatz. Wenn ich mich in meinem weiteren Umfeld so umsehe, könnte ich ziemlich gruselige Anekdoten rauslassen.

    Ich selbst bin kein Mönch, nach einem Bier oder einem Glas Wein fahre auch ich noch Auto. Aber mehr nicht. Nie. Ich hatte im zarten ALter von 20 Jahren die Ehre, auf einem abgesperrten Parkplatz einer Kaserne eine Art “Selbsttest” mit eigenem Auto zu machen. Pylonenparcours nach ausschweifender Grillparty. Im Schritt-Tempo. Danach bin ich sehr kleinlaut über die Fläche gegangen, habe die ganzen umgefahrenen Hütchen wieder eingesammelt und mein Auto bis zum nächsten Morgen dort stehen lassen.
    Sehr beeindruckend. Auch der Einlauf vom OVWA am kommenden Morgen, weil ich da hätte nicht parken dürfen. Aber das ist… na ja.

    Irgend jemand hat es hier mal geschafft, als “User” seine Links zu benennen. Vielleicht muss man des html’s mächtig sein? Ich weiß es nicht. Aber macht doch nichts, ihr habt ja mich…

    Mit besten Wünschen in ein langes Wochenende (oder feiert Bayern den Tag der Deutschen Einheit nicht mit…?)!

    Sandmann

  10. Am:
    02.10.08
    Um:
    18:14
    Von:
    touranus

    N’Abends alle zusammen,

    sicherlich kann man niemals die Verantwortung für das Verhalten Anderer im Straßenverkehr übernehmen, aber wie du schon schreibst, etwas umsichtiger auf das eigene Verhalten achten. Auch ich gebe gerne Gas und glaubt mal nicht, dass ich meinen Audi 100 V6 nicht auch gescheucht hab…

    Ich bin mal mit einer Freundin, die eine Tochter von 5 Jahren (oder war sie 4?) in Marschacht essen gegangen. Als ich auf den Restaurantparkplatz fahren wollte kam von vorne nix (sehr kurvige Ortschaft). Also 1.Gang rein und los. Ich war gerade am Abbiegen, da jagd auf einmal ein Motorrad auf mich zu… genau auf die rechte hintere Tür, wo die Kleine saß. Ich gab Vollgas und bremste sofort wieder, um nicht in die Parkplatzmauer zu krachen. Ein Blick in den Rückspiegel. Große blaue Augen schauen mich an und im vorwurfsvollen Ton: “Du musst doch besser aufpassen!”

    In dem Moment kamen eine Menge Bilder, die man nicht gesehen haben will wieder in mir hoch…

    Du hast schon recht, ich hätte nix anders machen können, aber beim Thema Kinder im Auto bin ich halt etwas strange…

    Auf dem Rückweg überholte mich dann auch noch eine Goldwing mit dem fetten Aufkleber auf der Heckbox “MOTORRADFAHRER TÖTEN NICHT, SIE WERDEN GETÖTET”.
    Ich hätte ja am liebsten… oh ja, DEM hätte ich gerne was erzählt…

    Verschont mich jetzt bitte mit: Man kann nicht alle über einen Kamm scheren…
    Es war Situationsbezogen!

    Auf dass wir uns hier alle noch lange Zeit gesund und munter lesen werden ;-)
    (Ich bin kein spießiger Schneckenfahrer)

    Gruß
    TDI-Freibrenner

  11. Am:
    04.10.08
    Um:
    14:12

    Ay Audianus,

    sooo ich bin jetzt auch wieder 650 Kilometer reicher, war mit meinem Lieblings-Heiko für einen Tag in Dänemark und habe meiner 13jährigen Tochter wieder eine neuere Fahrstunde erteilt. Aber dazu später mehr.

    Aus fehlendem Zeitmangel sind wir ziemlich entspannt gefahren, Autobahn hat ohnehin ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern… Und wir waren sogar noch eine halbe Stunde schneller als geplant. Rasen bringt gar nichts. Schön, das wieder einmal zu erleben.

    Ich werde jetzt das bisschen Sonne auf den Herbstbäumen und einen einsamen Abend ganz ohne andere Menschen hier in meinem Häuschen in Kiel genießen, Montag geht es dann wieder auf die Autobahn nach Delmenhorst bei Bremen. Ich werd bald die 500.000 voll haben :-D

    Und ich hoffe unfallfrei.

    Sandmann

    P.S.: Über Motorräder mit mehr als 40PS habe ich nicht ganz grundlos eine sehr abendfüllende Meinung, die ich an dieser Stelle nicht kund tu.

  12. Am:
    06.10.08
    Um:
    10:18
    Von:
    onte

    Hallo Sandmann,

    das mit Deinem Freund kommt mir doch sehr bekannt vor.
    Es ist nun mittlerweile schon ein paar Jährchen her, da lernte ich jemanden kennen, mit dem ich in den folgenden Jahren sehr viel Zeit verbrachte.
    Er hatte das Pech gehabt, einen Tag vor Antritt seiner Lehre von einem städtischen Transporter von seinem Moped geputzt zu werden. Im Krankenhaus mußten die Ärzte ihm dann den linken Unterschenkel amputieren. Da war nichts mehr zu retten. Für einen damals 16jährigen natürlich ein schwerer Schlag. Trotzdem ließ er sich nicht unterkriegen. Er reparierte sein Moped, baute eine Schalthebelverlängerung und konnte so, trotz seines Holzbeines gut fahren. Später dann, als er seinen Pkw-Führerschein bestanden hatte, schenkte ihm sein Vater den Fahrschulwagen. Ein Ascona C 1,8 I. Damals eine Höllenmaschine. Tja, den hat er dann in einen Strommasten gesetzt. Der Mast stand im Fußraum! Glück im Unglück: Das Bein, das bei diesem Unfall zerschmettert wurde, war sein Holzbein!
    Danach fuhr er einen Ascona B 1,9 S. Nicht sehr schnell, aber umso durstiger. Ich saß hinten in diesem Auto, als uns in einer Kurve ein Fahrzeug im Gegenverkehr auf unserer Seite entgegen kam. Die Birke, die in den Ascona einschlug hatte ich mitgenommen. Nach einem Satz über den Graben und der weichen Landung in einer frischen Tannenschonung stellten wir dann fest, daß der Wagen wohl nicht mehr zu retten wahr. Übrigens hatte ich außer einer Brustkorbquetschung und einem Haufen Schnitte im Gesicht durch die Seiten- und Heckscheibe (Sekurit schneidet nämlich doch!) nichts weiter abbekommen. Sein nächster Wagen wahr (Überaschung!) ein Ascona!! Diesmal wieder ein B aber 2.0 J.
    Mit dem wollte er eine Reihe parkender Autos überholen, als plötzlich Gegenverkehr kam. Kurz gesagt: Straße ziemlich eng, 4 Autos demoliert, Ascona auch Schrott.
    Zu guter Letzt erwarb er einen Monza GTE. Eines von diesen wunderbaren und oft unterschätzten Coupes einer vergessenen Ära. Jedenfalls war dies einer mit 3,0 Liter Maschine. Alle Freunde, mich eingeschlossen, prophezeiten ihm mit diesem Auto nun endgültig den nahen Tod.
    Zwei Jahre später, ich war mittlerweile in die neuen Bundesländer gezogen und hatte mein eigenes Unternehmen, erhielt ich einen Anruf von einer Freundin. Ich solle mich hinsetzen, Tobi war gestorben. Nach einigen Schreckminuten fragte ich natürlich, ob er einen Unfall gehabt hätte.
    Nein, hatte er nicht. Er war mit einem Freund in die USA gefahren um Urlaub zu machen und ist dort unter der Dusche mit Herzinfarkt zusammengebrochen. Er ist 24 Jahre geworden.
    Seltsam, jeder hätte geschworen, daß Tobi einstmals in seinem Auto umkommen würde und dann das! Wer weiß, vielleicht war es auch so vorgesehen.

  13. Am:
    06.10.08
    Um:
    20:13

    Guten Abend Onte.

    Ich hab deinen Kommentar jetzt schon drei mal gelesen. Ich bin ziemlich ergriffen. Ich finde es unglaublich, was für Geschichten das Leben schreibt, und jeder von uns kann seine eigenen erzählen.

    Wie viele Geschichten wohl unerzählt da draußen kursieren, einfach da sind, weil jemand sie erlebt hat? Nicht immer ist Hollywood anwesend. Dabei wäre es – wie in deinem Fall – so schön, sie mit anderen zu teilen. Einerseits, weil sie einen großen narrativen Schatz darstellen und es sich einfach gut anfühlt, sie zu kennen. Andererseits, weil wir viel aus diesen Erlebnissen mitnehmen können. Das Leben kann in einem einzigen Augenblick vorbei sein, und ich will eigentlich gar nicht wissen, wie oft ich schon knapp davor war.

    Vielleicht ist es falsch, jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte. Das suggeriert eine gewisse Maßlosigkeit, wir sind ja nicht in Rom :-) Aber wenn man durch solche Erlebnisse die Augen ein wenig weiter öffnet und die Welt um sich herum intensiver wahrnimmt, lebt man die Stunden, die einem gegeben sind, bewusster. Erfüllter.

    Trennungen, auch ohne Todesfall, sind vergleichbar. Jemand ist nicht mehr da, du denkst darüber nach, drehst und wendest es und siehst immer neue Facetten. Wenn du genug daran arbeitest, fällst du nicht in trauernde Melancholie, sondern verarbeitest das Erlebte und schließt es mit guten Gedanken ab. Das kann allerdings auch hier Jahre dauern. Aber es gibt dir Raum für neue Farben in deinem Leben…

    Fazit? Mit Opels baut man Unfälle, die man aber überlebt. Ich bin gespannt, ob noch mehr solche ergreifenden Geschichten irgendwo lauern. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie hier niedergeschrieben würden.

    Wenn ich morgen sterben sollte, kann ich sagen, dass ich nicht eine Minute meines Lebens bereut habe.

    Sandmann

  14. Am:
    23.10.08
    Um:
    05:21
    Von:
    calimero

    Tach zusammen…

    Das macht mich alles sehr nachdenklich hier. Ich hatte schon die letzten Storys kurz gesehen mit dem K70, und nun bin ich recht gedämpft.

    Stell das Kreuz auf Sandmann. Ich seh das auch so. Und nun tauch ich lieber mit euch in die 70er, weiter oben, und fahre vorsichtig mit meinem Golf.

    Abel

  15. Am:
    23.10.08
    Um:
    13:36

    Ay calimero,

    ich bin gerade durch meine Zeitreise in die 70er ganz raus aus der Geschichte. Ist auch gut so. Hat mich alles ganz schön runter gezogen.
    Ich lasse das alles erst einmal eine Zeit ruhen und gehe das Thema im Frühling erneut an.

    Da momentan mein Leben ziemlich gut läuft habe ich keine Ambitionen, mich mehr mit dem Tod zu befassen als notwendig…

    Sandmann

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