Der Sänger mit dem klangvollen Namen Dennis Ritter-Eichenlaub gibt alles. Tanzt, steppt, röhrt wie im Finale eines Superstar-Wettbewerbs. Nichts anderes ist sein Auftritt bei der Präsentation des neuen Scirocco. Dennis Ritter-Eichenlaub, der im zivilen Leben am Wolfsburger Band den Golf montiert, hat den VW-internen Songwettbewerb gewonnen und bringt im Scheinwerferlicht das Siegerlied. “I wanna be free” soll die breit angelegte Werbekampagne zur Einführung des Sportcoupé begleiten. Dazu gehören eine eigene Scirocco-Webseite, das Online-Spiel “Mission Scirocco” für junge Kunden und ‚Äì eher klassische Reklame ‚Äì der Klassensieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Viel Aufwand für ein Auto, bei dem niemand eine Verkaufsprognose abgeben möchte.
Der Grund: Kompakte Coupés sind out. Mega-out. 2007 wurden in ganz Westeuropa gerade einmal 20 000 Autos dieses Segments verkauft. Auch weil das Angebot reichlich dünn ausfällt. Ford? Opel? Fiat? Audi? Fehlanzeige. In diese leere Nische stößt Volkswagen mit dem Scirocco, “und diesmal sind wir nicht die Letzten, sondern die Ersten”, wie VW-Chef Martin Winterkorn gerne betont. Klingt ein bisschen nach Rufen im Walde. Passt ein auffälliges, sportliches, unpraktisches Auto ‚Äì nichts anderes ist ein Coupé ‚Äì hinein in die eher freudlose Stimmung, in hohe Benzinpreise, Co2-Diskussion und Miesepetrigkeit?
Der Scirocco bringt einiges mit, um den Spaß am kompakten Coupé wieder zu wecken. Erstens seinen Namen, der so schön an den ersten Scirocco, an ABBA, Pril-Blumen und grüne Nyltest-Hemden erinnert. Zweitens sein Aussehen, das für einen VW unbestritten radikal wirkt (wie kam dieses Auto nur durch den Wolfsburger Bedenken-Rat? Alle betrunken gewesen?) Und drittens der Spaß, den es macht, ihn zu fahren. Auf seinen Passat-Achsen klebt der Scirocco vorne 35, hinten 59 Millimeter breiter auf der Straße als ein Golf. Aufgrund des flachen Dachs sinkt der Schwerpunkt des Autos, der Fahrer-Hintern rückt näher an den Asphalt. Die serienmäßigen Sportsitze passen wie eine zweite Haut, die Lenkung gehört zum Besten, was man in dieser Klasse mit Frontantrieb bekommen kann. Und der Innenraum hebt sich mit netten Details wie den eckigen Luftdüsen oder anderen Türgriffen aus der Wolfsburger Monokultur ab. Endlich mal nicht der xte Aufguss eines Golf GTI.
Zwei Benziner bietet VW zum Verkaufsstart am 30. August. Schon der 1,4-Liter große TSI mit 160 PS bringt den Scirocco in 8,0 Sekunden auf Tempo 100 (Spitze 218 km/h) ‚Äì das reichte auf Portugals Landstraßen aus, um wieder den pubertären Jungen im Mann zu wecken (nur knapp konnte ich dem Motorradfahrer widerstehen, der mich mit einem Wink zum Rennen aufforderte). Der 200 PS starke 2,0-Liter TFSI setzt noch eins drauf: in 7,2 Sekunden auf 100 km/h, 235 Spitze und die ewige Verlockung der Schaltpaddel, wenn man das lohnenswerte DSG-Getriebe mit bestellt hat ‚Äì beim Herunterschalten rotzt der GTI-Motor einen herrlichen Zwischengasstoß raus.
Wo also liegen die Kehrseiten des Scirocco? Wie bei jedem Coupé. Der Einstieg den langen Türen nervt in engen Parklücken, im Fond fühlt man sich wegen der ansteigenden Fensterlinie wie lebendig begraben und der Fahrer sieht nach hinten äußerst besch… . Nicht nur wegen der kleinen Luke von Rückfenster, sondern weil zudem die festen Kopfstützen der zwei hinteren Sportsitze mitten im Bild stehen. Dieses Heck schreit nach der Einpark-Piep-Hilfe!
Das Budget könnte es hergeben, weil der Scirocco attraktive Preise aufruft. 23 300 Euro kostet der 160-PS-Benziner, der 2,0-Liter ist mit 25 550 Euro sogar einen Hunderter günstiger als der gleich starke Golf GTI. Dabei sind 17-Zoll-Räder, Sportsitze, Klimaanlage und Sportfahrwerk schon serienmäßig an Bord. Im Herbst folgen der Basis-Scirocco (122 PS, 21 750 Euro) sowie ein 140-PS-Diesel, Anfang 2009 ein 170-PS-Diesel. Alllrad- und Sechszylinder-Versionen schließt VW-Chef Winterkorn aus, einen stärkeren Vierzylinder nicht. Schließlich siegte der Scirocco am Nürburgring mit 325 PS. Und Frontantrieb.
04.08.08
12:29
Sebastian Spreen
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