Ferrari California: “sexiest car”
Die Elektronik spinnt. Deshalb steht der Ferrari California da mit halb geöffnetem Dach, es gibt kein Vor, kein Zurück. Schade, weil unser Fotograf Ulli sich gar nicht satt knipsen konnte am Faltdach des brandneuen Roten. Dach auf, Dach zu, und nochmals, bitte. Jetzt streikt das Bordnetz. Wir verzeihen dem California, schließlich klebt im Türfalz ein Aufkleber: AV 20. So ein Vorserienmodell, hier die Nummer 20, hätte Ferrari früher niemals ans Licht der Welt gelassen. Allein schon wegen möglicher Blamagen, wie jetzt bei unserem frühen Fototermin. Das Serienauto wird erst beim Pariser Salon im Oktober enthüllt. Warum also jetzt der Anfall von Glasnost in Maranello?
“Das ist kein Renn-Sportler, kein Basismodell und auch kein neuer Dino”, sagt Massimo Fumarola, Marketing-Chef bei Ferrari. Aha, die Welt soll verstehen: Der California ist ein bequemer, vielseitiger Reisesportler – sozusagen der SL unter den Ferrari. Schnell die Autoquartett-Zahlen: 460 PS stark, 1625 Kilo schwer, fünf Zentimeter länger als sein Bruder F430 (exakt 4,56 Meter), null auf hundert in unter vier Sekunden. Spitze 310 km/h. Verbrauch: 13,2 Liter.
Zu erklären sind in der Tat eine Menge Neuheiten. Das elektrische Faltdach etwa, das den California in 14 Sekunden vollautomatisch in einen “Californa dreamin” verwandelt. Der neue Achtzylinder mit Direkteinspritzung. Die Doppelkupplung, die sieben Gänge so komfortabel schaltet, wie es Ferraris hackende F1-Schaltung nie konnte. Und die Ladeluke, die den bereits erstaunlichen Kofferraum (260-360 Liter) nochmals vergrößert.
Wie bitte, Kofferraum? Komfort? La-de-lu-ke? Wir sprechen noch von einem Ferrari? “Das ist unser Angebot an Einsteiger-Kunden, denen ein F430 zu radikal und ein 612 Scaglietti bislang zu teuer war”, so Fumarola. Und die in ihren Ländern nicht immer westliche Straßenqualität vorfinden. In China werden 2009 vermutlich mehr Ferrari verkauft werden als in der Schweiz! Schon denkt der Marketing-Chef laut darüber nach, den California für China mit einer Start-Stop-Automatik auszurüsten, um künftige strenge Abgashürden zu nehmen.
Der California zeigt Ferrari im Aufbruch. Komfort von heute, Design faszinierend wie immer, optische Zitate von gestern. Genauer, vom ersten California, der vor 50 Jahren präsentiert wurde und bis heute immer wieder gerne als “sexiest car” genannt wird. An diesen Ur-Cali erinnern der flache Lufteinlass auf der Haube, die seitlichen Schlitze in der Flanke oder der schwarze Ring am Lenkrademblem. Bei der Gelegenheit hätten die Designer sich allerdings auch den schönen schlanken Hintern des Vorbilds genauer ansehen dürfen – das Heck des neuen Cali wirkt unnötig breit. Oder ist breit jetzt schön?
Egal, wir werden hingucken. Der Staun- und Imponier-Faktor ist quasi eingebaut, den hat Pininfarina dem neuen California ins Blech geschrieben. Da redet garantiert niemand vom “kleinen Ferrari”, erst recht nicht bei dem Preis: Rund 170 000 Euro soll der California kosten. Aber dafür bekommt man fast zwei Ferrari. Oder ein Auto mit zwei Seelen.
Mehr Bilder von Ferraris “California Dreams” gibt es in der aktuellen AUTO BILD (Nr. 25)
