Ferrari Magic India Discovery Tour: Teil 3
“Varanasi ist die Stadt der Toten,” verkündet unser Stadtführer mit gesetzter Stimme. Zugegebenermaßen wenig einladend. Allerdings bezieht sich die Tatsache eher auf die hinduistischen Glaubensanhänger als auf uns Mitteleuropäer. In der heiligsten aller Städte zu sterben, gilt dem Hinduismus nach als großer Glücksfall und hat die sichere Erlösung zur Folge. Doch auch zu Lebzeiten sollte sich jeder Hindu einmal im trüben Gangeswasser von seinen Sünden reinwaschen. Jeden Morgen pilgern demnach tausende Gläubige durch die engen Gassen in Richtung Ufer. In der angenehm lauen Morgenluft wabert der Geruch von Blumen, die als Opfergaben den Göttern dargeboten werden. Priester singen vor den Tempeln, Menschen meditieren. Hinzu mischt sich der Rauch der Krematorien, die im Akkord in weißes Tuch gehüllte Körper aufbahren, unter freiem Himmel verbrennen um schließlich die Asche als besondere Zeremonie auf dem Wasser zu verstreuen.
Weniger spirituell betrachtet, zählt der Ganges zu einem der schmutzigsten Gewässer der Welt. Ablesbar an chronischer Fischarmut und gelblichen Schaumkronen, die uns sogar von der Brücke aus ins Auge stechen, über die wir Varanasi langsamen Tempos verlassen. Dicht zusammengerückt schlängelt die Kolonne dank Polizeieskorte flink durchs mittlerweile zur Gewohnheit gewordene Verkehrstheatertheater. Trotzdem bleibt Zeit, den Blick über die abgewohnten Fassaden zahlreicher Kolonialbauten, die tristen Hütten und die bunte Werbetapezierung schweifen zu lassen: Die Logos großer Konzerne rangeln mit Tafeln lokaler Unternehmen um die Aufmerksamkeit der Passanten. Vor allem die Plakatierung der Autohändler strotzt nur so vor Übermut. Da druckt der örtliche Suzuki-Händler schon mal einen Mercedes auf das Banner, die Mahindra-Vertretung Varanasis überstrahlt gar ein Lamborghini Gallardo. Dass sich auf dem Hof nur klapprige Offroader längst vergangener Tage drängen, stört niemanden.
Läppische 150 Kilometer liegen heute vor dem Zehn-Auto-Tross. Die Stimmung ist gelöst, übers Funkgerät zischen italienische Witze.
Auch die Hupe unseres Scaglietti hat sich von den Strapazen des Mittwochs erholt und meldet sich aus voller Kehle trötend zum Dienst. Selbst das Autobahnpanorama wirkt freundlicher. Nach dem Grenzübertritt vom Bundesstaat Bengalen nach Uttar Pradesh mischt sich mehr und mehr grün in die Ebene. Knorrige Tropenbäume, dichtes Buschwerk, bunt blühende Stauden, dazwischen kleine Siedlungen und die üblichen Industrieanlagen mit vergleichsweise zweifelhaftem Charme.
Kurz vorm Zwischenziel in Allahabad wartet noch eine spezielle Prüfung: Vor einer angekündigten Brücke scheren die Scoutfahrzeuge plötzlich aus. Zunächst grober Schooter, danach feiner Sand. Etwas unsicher tasten wir uns hinterher. Zwar wurden die Karosserien der Scaglietti eigens für die Indien-Tour um 30 Millimeter hochgelegt, manch indisches Schlagloch hebt aber selbst ausgewachsene Geländewagen aus den Angeln.
Vorsicht ist also geboten, was sich angesichts der enormen Staubentwicklung als gar nicht so einfach erweist. Immer wieder zacken wir in letzter Sekunde zur Seite, schlenzen vorbei an fußballgroßen Felsbrocken und Kratern, in denen man problemlos eine Smart Fortwo versenken könnte. Erst als die Vorhut samt Sandfahne beiseite zieht, offenbart sich der Lohn des Offroad-Slaloms: Das ausgetrocknete Flussbett des Yamuna, einem Nebenarm des Ganges, das durchquert werden will. Vereinzelt warten noch kleine Tümpel auf die Verdunstung, gestrandete Boote braten in der sengenden Sonne, während hier und da Kinder das gigantische Sandareal während der andauernden Trockenperiode als Spielwiese nutzen.
Auch bei mir weckt die fluffige Sandoberfläche den Spieltrieb. Zwei Klicks am Manettino – jenem Formel-1-stämmigen Drehregler am Dreispeicher – und der Ferrari kappt den elektronischen Spaßverderber namens Traktionskontrolle. Mit sachtem Heckschwung pflügen wir durch die Fahrrinne, lassen die Gummis wühlen, den V12 röhren und den Staub wirbeln, um schließlich am anderen Ufer wieder in die asphaltierte Zivilisation zurückzuklettern. Was bleibt, sind kleine Schmutzhäufchen im Felgenbett, leichter Staubbefall im Innenraum wegen des spaltbreit geöffneten Fensters meines klimaanlagenempfindlichen Co-Piloten Fabrizio ‚Äì und die Hoffnung auf ein vergleichbares Schauspiel am morgigen Tag.
