Schlaflos in Gaya. Klingt schwer nach Bollywood-Streifen, hätte aber ebenso gut der Titel der letzten Nacht sein können. Zunächst sorgten wahre Heerscharen von Moskitos für offene Augen und wild umher schlagende Arme, danach beendete ein monsunartiger Regenguss, einhergehend mit grollendem Donner und zuckenden Blitzen sowohl das indische Nachtprogramm im TV als auch Annehmlichkeiten wie Deckenventilator, Klimaanlage oder Licht. Zumindest die Wanduhr tickte wacker weiter, läutete um sieben Uhr morgens den planmäßigen Abfahrttermin ein und beendete damit auch die schlafarme Nacht. Mit Verschiedenfarbigem aber Gleichschmeckendem im Magen schwingen wir uns auf die Rösser. Auch unserem “cavallino rampante” hängt die 550-Kilometer-Tortur des Vortags noch in der Mähne.
Neben reichlich Staub, den der nächtliche Regenguss zu handfesten Schlammpralinen verwandelt hatte, bringen die ersten Sonnenstrahlen auch eine kleine aber sichtbare Schramme vorne rechts zutage
. “Si!” antwortet Fabrizio, mein Fahrzeuggenosse aus Genua auf meinen fragenden Blick. “Ich habe gestern beim Rangieren ein LKW-Rad berührt,” gesteht er – jedoch nicht ohne mit typischer Gestik nachträglich noch ein paar Schimpfwörter alla genovese gen Himmel zu schicken. Die vor den Ferraris liegenden 260 Kilometer von Gaya in die Ganges-Stadt Varanasi sollte der Bagatellschaden freilich nicht beeinträchtigen. Ebenso wenig wie die Tatsache,
dass sich unser weiß-roter 612 nur Meter nach dem Aufbruch in der völlig ausgewaschenen Schotterauffahrt des Hotels ein paar zusätzliche Bauchstüber eingefangen hat. Nach einem Besuch des buddhistischen Ursprungs, dem Mahabodhi-Tempel mit seinen pyramidenförmigen Bauten und den prachtvollen Meditationsgärten, quälen wir uns im Schneckentempo durch geschäftige Dörfer zurück zur einzig nennenswerten Verkehrsader Richtung Nordwesten.
Der Endlosstau, dem wir dort am Vorabend in die Falle gegangen waren, hat seine Spuren hinterlassen. Entlang der Straße schlummern herrenlose Trucks und Kleinwagen, die ihre Fahrer mangels Geduld zurückgelassen haben. Doch nicht etwa abseits des Asphalts oder zumindest auf dem Seitenstreifen, nein, die verwaisten Autos verharren regungslos inmitten der Fahrspuren. Ein Hindernisparcours für Fortgeschrittene, der zumindest von der Eintönigkeit der nordost-indischen Landschaft ablenkt.
Zwischen die karge, brettebene Steppe links und rechts der Autobahn mischt sich nur selten grüne Vegetation. Stattdessen sorgen riesige Verladestationen für Kohle samt kilometerlangen LKW-Warteschlangen für einen erdrückenden Cocktail aus Dieselduft, Kohlestaub und feuchter Hitze. Über Kohlendioxid diskutiert in Indien jedenfalls niemand. Wie die zahllosen Arbeiter auf den Verladehöfen verrichtet auch die Ferrari-Klimaanlage Schwerstarbeit. Ganz im Gegensatz zum Zwölfzylinder, der die meiste Zeit bei Tempo 90 und 1800 Touren dahinbrodelt. Nur gelegentlich, wenn sich das Verkehrsaufkommen etwas lockert, schnippen wir drei Gänge runter und lassen die 540 PS galoppieren. Dann hebt der Sechsliter seine Stimme und singt Besatzung wie Außenwelt ein metallisches Lied. Musik mit Gänsehautgarantie. Und das gilt gleichwohl für indische Ohren. Wo immer wir auftauchen, winken uns die Menschen zu, recken die Daumen, stoppen ihre Fahrzeuge, hasten aus ihren Behausungen. Fotohandys werden gezückt, Fragen gestellt. Und zum Abschied ernten wir immer ein Lächeln.
“Ein lockerer Trip,” denken wir uns kurz vor dem Tagesziel. Bis wir über eine schwere Eisenbrücke über den heiligen Fluss Ganges ins Chaos Varanasis stechen. Hier scheint alles noch vie aufgeregter als im Startort Kalkutta. Kaum vorstellbar, dass Tata mit dem Nano die Massenmobilisierung erst noch eröffnet. Offensiv schaufeln wir uns durch die Verkehrsmassen. Zwanzig Tucktucks von Links, ein riesiger Volvo-Bus drängelt von hinten, Kuhherde rechts. Stress. Vor allem, als wegen Überbeanspruchung auch noch die Hupe klein beigibt.
Sage und schreibe drei Stunden dauerten allein die letzten paar Kilometer. Dementsprechend erleichtert sind wir, als der 612 endlich durch die Hotelauffahrt schleicht und Giovanni, Teil der fünfzehnköpfigen Crew, verspricht, sich um die defekte Hupe zu kümmern und zugleich einen folgenden Ruhetag samt Stadtrundfahrt und Poolaufenthalt ankündigt.