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Ferrari Magic India Discovery Tour: Teil 1

Mittwoch, 2. April 2008 um 16:31 Uhr

dsc00875.jpgMan nennt das wohl Kulturschock. Von Frankfurt nach Indien, genauer ins ehemalige Kalkutta, oder dem neuen Sprachgebrauch folgend Kolkata. Vom praktizierten Pedantismus der mitteleuropäischen Welt mit seinen strikten Regeln, Verhaltenskodexen und Verboten via Airbus in knapp neun Stunden in die westlichste Megapole Indiens. Ins bengalische Chaos: Wo Ampeln bestenfalls der Straßenbeleuchtung dienen; wo weißuniformierte Ordnungshüter vor gigantischen Rauchverbotstafeln ihre Zigarette genießen; wo zwei Flugzeugladungen Passagiere sonntagabends gegen gerade einmal zwei überaus gemütliche Zollposten branden; wo Parkverbotschilder ausschließlich dekorative Zwecke erfüllen.

Willkommen in der zweitgrößten Stadt des Subkontinents. Zeit zur Akklimatisierung bleibt kaum. Die Temperaturen in der Warteschlange Richtung Grenzerduo changieren zwischen 40 Grad bei stehender Luft und gefühlten elf Grad unter einer der spärlich platzierten, aber erbarmungslos pustenden Siebziger-Jahre-Klimaanlagen. Vor den Pforten der muffigen Flughafenterminals übernehmen tropische Luftfeuchtigkeit und Abgasduft, abgelöst erst vom eisigen Charme eines auf arktisches Klima herabgekühlten Innenraums des hoteleigenen Shuttle-Toyotas.

Mit Coolness hat die folgende 14-Kilometer-Tour durch die mitternächtliche 15-Millionen-Stadt Kolkata ansonsten allerdings nur wenig zu tun. Eher schon mit der Hitzigkeit eines DTM-Rennens in der Meisterschaftsendphase ‚Äì und unser adrett, aber traditionell gewandeter Chauffeur spielt die Rolle des Titelfavoriten. Schon auf dem Parkplatz presst er alles aus dem antiken Allradler heraus. Die Reifen wimmern, der Aufbau schwankt, und der altersschwache Antriebsstrang schlottert bei jedem Riss am Schaltstock. "Wenig Verkehr heute Nacht,‚Äú erklärt der Twen am Volant in bröckeligem Englisch, während er unaufhörlich hupend und mit maximaler Beleuchtung über einen der breiten Boulevards pflügt. Wenig Verkehr? Die Fuhre nähert sich eifrig der 80er-Marke des Tachos, von hinten prescht eine Übermacht größtenteils schwer gezeichneter Kleinwagen heran, meldet sich bei uns kurz per Hupe, um links und rechts vorbeizuströmen. Als härteste Gegner im Kampf um Fahrspur oder Vorfahrt erweisen sich die in irrwitziger Geschwindigkeit bewegten Taxis, allesamt vom Typ Austin Ambassador und wie der Linksverkehr eine Hinterlassenschaft der britischen Kolonialherren.

Trotz einer Beinahe-Kollision mit einem herrenlosen Wasserfass in der Straßenmitte und zahllosen Momenten des Daumendrückens bei manch mit Vollgas gequerter Ampelkreuzung, erreichen Toyota, Fahrer, Gepäck und ich ihr Ziel unversehrt. Aber mit leicht flauem Gefühl im Magen. Wohl wissend, morgen schon selbst am westindischen Verkehrsroulette zu drehen. Und das als Big Player, am Steuer eines von insgesamt zwei Ferrari 612 Scaglietti, welche die Scuderia im Rahmen der Ferrari India Discovery die Schenkel des dreiecksförmigen Subkontinents entlang schickt. Keine Rekordfahrt, vielmehr eine Zuverlässigkeitsprüfung für das exklusive Material, ganz im Stil der vorangegangenen Ferrari-Expeditionen durch China und Südamerika. Etappe sieben lautet in unserem Fall der Auftrag. Zehn Tage, rund 1500 Kilometer vom Startpunkt Kolkata entlang des Ganges über die Tempelstädte Gaya, Varanasi, Allahabad, Khajuraho bis in die Millionenstadt Lucknow. Doch zuvor nochmals die Nerven heilen.

Gemessen an der Aufregung am Abend, bimmelt der Wecker spät. Der Wein war gut, das Buffet üppig, die Gespräche amüsant. Während eine frische Dusche die Folgen des Vorabends vom Körper wäscht, pellt in der Hotelauffahrt die Ferrari-Crew den roten Fahrzeugpyjama von den Scagliettis. Zwei Espressi später der erste Blickkontakt: Rosso-bianco der eine, das farbliche Negativ der andere. Zusätzlich verziert mit Dekor im arabisch-indischen Hennastil.

dsc00970.jpgRein in die schokoladenbraunen Ledersitze, den rot lackierten Schlüssel drehen, Startknopf drücken, lauschen. Zwei geschockte Raben reißt der erste Zündfunke aus ihrer morgendlichen Siesta, während unter der langen Haube zwölf Kolben brüllend ihren Arbeitstag einläuten. Den kleinen Stummel der F1-Schaltung auf "D‚Äú klicken, Gaspedal antippen und der Scaglietti gleitet sanft fauchend über den blank gewienerten Hotelhof. Vorbei an zwei Wachposten und schweren Eisengattern, raus ins Wirrwarr aus Ambassadors, Rikschas und Tuktuks, jenen Zweitaktdreirädern, die zumindest James-Bond-Fans seit der Verfolgungsjagd in "Octopussy‚Äú in bester Erinnerung haben dürften.

dsc00964.jpgNach nur wenigen Metern stecken wir tief in der Rushhour Kolkatas. Gedanken an den vorabendlichen Plausch mit dem Hotel-Shuttler schießen zurück ins Kleinhirn. Verglichen mit dem Gemenge aus Verkehrsteilnehmern aller Art, erscheint das nächtliche Straßenrennen im Nachhinein wie der verkehrsberuhigte Bereich einer saarländischen Kleinstadt. Von allen Seiten schwemmen jetzt Menschenfluten in die ohnehin schon überquellenden Straßen, rangeln mit knatternden Mofas um ihr Recht, hechten durch die langsam, aber bestimmt vorantreibende Lawine aus Blech, Stahl und Gestank. Zum Vorankommen genügt ein federleichtes Gasfüßchen ‚Äì aber es bedarf eines entschlossenen Daumendrucks am Hupenknopf. Um dem Chaos zu entkommen, zacken die ortskundigen Vorausfahrzeuge weg von den großen Boulevards, rein in die Nebenstraßen. Und rein in jene Gebiete, die weder Reiseführer noch Hochglanzmagazine gerne auf die Titelseite drucken, die sich aber unauslöschbar im Gedankengut verbeißen.

In den Slums Kolkatas ist von der konjunkturellen Explosion des sechsten Kontinents nichts zu spüren. Nachrichten wie der Verkauf der Marke Jaguar an den indischen Megakonzern Tata versacken hier in Schmutz und Armut. Dass Indien derzeit am Ruf einer Weltmacht feilt, wirkt da wie blanker Hohn. Dementsprechend wortkarg verlaufen die nächsten Kilometer durch die Randbezirke der Megacity.

dsc00966.jpgEs dauert bestimmt zwei Stunden, bis der Hüttensaum des Straßenrands aufreißt und den Blick auf saftiggrüne Reisfelder und Palmwäldchen freigibt. Schnurgerade zieht sich das, "Motorway‚Äú getaufte Asphaltband gen Nordwesten. Mit einer Autobahn im westeuropäischen Sinn hat der vierspurige Verkehrsweg bestenfalls die Mautpflicht gemein. Neben badewannengroßen Schlaglöchern und Brückenfugen vom Kaliber einer Bahnschiene fordert vor allem der dichte Lkw-Verkehr vollste Aufmerksamkeit. Kunterbunt verziert, mit Lichterketten und Girlanden geschmückt, röhren die Brummis über die Bahn. Hupen, heranpirschen und mit sattem Gasstoß vorbeiziehen, lautet die Taktik, um den größtenteils hoffnungslos überladenen Ungetümen beizukommen. Nach wenigen Minuten Routine. Ebenso wie die harschen Tritte in die Keramikbremse bei auf dem Mittelstreifen grasenden Zebus oder die kurzen Zwischensprints, um den schlenkernden Anhängern der Tata-Trucks zu entwischen.

Die insgesamt 550 Kilometer der Tagesetappe purzeln flott und mühelos. Bis plötzlich ein schrilles "Attenzione!‚Äú aus dem Walkie-Talkie die Ferrari-Fachsimpelei zwischen meinem italienischen Kollegen und mir unterbricht. "Truck on the wrong side of the road,‚Äú plärrt der Fahrer des für uns vorauseilenden Service-Fiats. Ein kurzer Scan über die Fahrspuren, rechts einsortieren, und schon trommelt einer der bunten Brummis geisterfahrend und haarscharf am rechten Scaglietti-Spiegel vorbei. Schock? Ja, in der Tat! Aber nur beim ersten Mal, noch nicht ahnend, dass sich dieses indische Verkehrsschauspiel in verlässlichen Abständen wiederholen würde.

Trotz literweiße vergossenen Adrenalins und Megastau kurz vorm Tageszielort Gaya, erreicht der India-Discovery-Tross das mittelklassige Vorstadthotel unversehrt (von kleineren Blessuren am verstärkten Scaglietti-Unterboden mal abgesehen). Der tropische Tag verabschiedet sich in gewohnter Manier mit einem handfesten Gewitter. Eine wohltuende Dusche für Fahrzeug und Fahrer.

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