Abgelegt in Nachrichten-Archiv

WiFi-Karte? Alléz. Desolé.

Freitag, 29. September 2006 um 22:09 Uhr

best-western-ausen.jpgParis, die Stadt der Liebe und Ignoranz. Die Straßenfluchten machen dich wuschig, so schön sind die Fronten und Details der ewig gleichen und doch unvergleichlichen Palais entlang der Avenues, Chaussées und Rues. Aber wehe, du willst was. Zum Beispiel einen Online-Zugang.

Ein Hotel mit WLAN-Anschluss, mehr erwarteten wir gar nicht. Ist das zu viel verlangt für drei Onliner, die möglichst ohne Zeitverlust über den Pariser Salon berichten wollten/mussten und bei der Wochen zuvor erfolgten Reservierung extra nachgefragt hatten: “Gibt es auf den Zimmern einen verlässlichen Internetzugang?” (um abends den Aufmacher-Artikel für den nächsten Morgen vorzubereiten?)

“Oui, Monsieur”, versicherte der Portier mit genervtem Unterton. Nur: Dass es dafür in der Regel einer Zugangskarte mit Passwort bedarf, die es nur an der Rezeption gibt (und nur gegen Bares) und die dort grundsätzlich in keiner Schublade zu finden ist, weil leider gerade alle Karten weg sind (vermutlich seit sieben Monaten auf der Flucht oder kurz auf einen Pastis ums Eck), das wiederum kommt dem den Bedürfnissen seiner Gäste grundsätzlich wenig aufgeschlossenen Pariser Rezeptionisten nicht über die Lippen. Warum auch.

Was also tun, wenn man seit sieben Uhr morgens auf den Beinen ist (also seit inzwischen 14,5 Stunden), den ganzen Tag tonnenschwere Fotoausrüstung durch die Pariser Métro-Katakomben und über die stellenweise vor Reportern berstende Messe geschleppt hat, wenn man den Kampf um einen der wenigen Online-Arbeitsplätze im Pressezentrum mit Hitzewallungen und blauen Flecken entnervt aufgegeben hat und jetzt wenigstens im Hotel EINFACH NUR IN RUHE ARBEITEN WILL – nachdem man generös ein Abendessen mit internationalen Kollegen in einem schicken Pariser Restaurant ausgeschlagen hat und stattdessen fettige Madeleines und trockene Kekse (das Einizige, was es noch an Vertrautem gab in dem algerischen Mini-Market um die Ecke) in sich hinein mümmelt!? Na, IRGENDEINE IDEE?

Richtig, man nimmt sich selber und die Reichweite seines geliebten Autoportals nicht so wichtig – und fängt im warmen Mantel einer gewissen Hoffnungslosigkeit an, die umliegenden Hotels nach so einer beknackten WiFi-Karte abzuklappern. Die braucht man schließlich, versicherten uns Monsieur und unser Uralt-Laptop, das nur einen verfluchten WLAN-Kanal auflistete, um ins Netz vorzudringen und endlich Fotos und Texte über den ersten Pressetag auf die Seite stellen zu können.

Der knabenhafte Portier im Hotel schräg gegenüber hat das Wort WiFi noch nie gehört, und ich schwöre, es lag nicht an meiner Aussprache. “Tut mir leid, haben wir nicht, bei uns sind alle Zimmer mit Internet ausgerüstet, kostenlos”, spricht der Franzose, nicht ahnend, was ich bereits für Niederlagen hinter mir habe an diesem Tag und wie gering in solchen Momenten die Furcht vor einem langjährigen Gefängnisaufenthalt sein kann. Eine Tür weiter das gleiche Spiel. WiFi-Karte? Bedaure, nie gehört, Wurm, der du bist, bei uns ist das Internet kostenlos.

Zwei Enttäuschungen weiter dann endlich ein Mensch, der weiß, was ich will. Aber leider nichts für mich übrig hat. “Pardon, gestern war noch eine Karte da, bestimmt, aber heute …” Nee, is klar, Patron, muss ja auch nicht. Lass man. Eine Hoteltür weiter baffes Erstaunen über mein obskures Anliegen. “WiFi?” “Ja doch.” “Braucht doch kein Mensch.” “Nö, nur drei Deutsche, die leider keine französische UMTS-oder-was-auch-immer-Karte haben.” “Schon mal Orange versucht?” “Gibt’s nicht auf unserem Geronto-Laptop.” “Schade, da geht es bestimmt mit normaler Kreditkarte, bei WiFi übrigens auch, eigentlich.” “Jo, eigentlich, die Seite ist aber störrisch, will keine deutsche Kreditkarte, genau so wenig wie der Fahrkartenautomat am Flughafen.” “Monsieur, (Sie armer hirnamputierter Anfänger), versuchen Sie es einfach noch einmal.” “Danke, Sie mich auch.”

Versuchen Sie es doch einfach noch mal. Versuchen Sie es doch einfach noch mal. Der Satz nagt an mir, ich gebe es zu, während ich mit einem Anflug von Todesverachtung den 1,3 Quadratmeter großen Fahrstuhl betrete, der direkt hinter dem Speisesaalersatz ins Dachgeschoss führt, wo meine tapferen Gefährten (zwei Christians) in unserer Kemenate ausharren und offline Fotos sichten.

Meinem aufopferungsvollen Ausflug ins Ungewisse der Pariser Hotelerie von vornherien wenig Aussicht auf Erfolg bescheinigend (weil an diesem Tag eh alles schief lief, was schief laufen konnte), nickten die beiden stumm, als ich quasi nackt das Zimmer betrat. Nun ist es ja aber so, dass Computer zuweilen ein Eigenleben führen. Und Computer zwei nach einigem Zureden plötzlich eine Liaison mit Orange einzugehen bereit war, was ihm Stunden zuvor ums Verrecken nicht einfallen wollte. Im Geiste entschuldigte ich mich beim Nachbarportier. Wer braucht schon WiFi? Oder gar Schlaf?

2 Kommentare zu “WiFi-Karte? Alléz. Desolé.”


  1. [...] Nettes Detail am Rande: Einige Schreiber des Blogs scheinen nicht zu wissen, was gute Umgangsformen sind. In diesem Artikel schreibt Ralf Bielefeldt über einen Besuch in Paris, bei dem er einen "verschissenen Online-Zugang‚Äú erhalten wollte. Im Text sucht er nach einer "beknackten WiFi-Karte‚Äú und legt einem Hotelangestellten die Worte "Sie hirnamputierter Anfänger‚Äú in den Mund bzw. in die Gedanken, während er selbigem "Danke, Sie mich auch‚Äú antwortet. Diese Art von Journalismus ist selbst eines BILD-Produkts unwürdig. [...]

  2. filmfacts schrieb am 31. Oktober 2006 um 15:35

    Ich halte es so, dass ich mich im Vorfeld auf alle Eventualitäten einstelle. Wurde das an der Schule für angehende Journalisten nicht gelehrt? Wie dem auch sei, das Problem saß ja offensichtlich vor dem Monitor, denn sonst hätte es ohne Konfigurationsänderung später wohl nicht funktioniert.

    Aber was erwartet man …



Sie wollen den Artikel kommentieren?

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.